Mein Arbeitsweg von etwa 3 Kilometer mache ich täglich mindestens einmal zu Fuss. Da unser Haus oberhalb des Kavangoflusses liegt, ist auch die Aussicht im Morgenlicht fantastisch. Etwa 300 Meter unterhalb von unserem Haus geht der viel begangene Weg Richtung Rundu Town los. Nur so nebenbei: Viele Kavangos legen täglich einen ein-, bis zweistündigen Arbeitsweg zu Fuss zurück, da sie kein Geld für ein Auto, Taxi oder Velo haben.
Hinter unserem Quartier beginnt auch eine ganze Siedlung mit Lehmbauten und Strohhütten. Anscheinend wohnen dort schon gegen 12'000 Bewohner. Viele arbeiten tagsüber in der Stadt und nehmen den gleichen Weg wie ich unter die Füsse. Viele Frauen mit riesigen Lasten auf dem Kopf, inklusive dem Kind auf dem Rücken, machen sie sich schon morgen früh auf den Weg um in der Stadt Dinge zu verkaufen. Oft werde ich von ihnen mit einem fröhlichen "Moro" begrüsst.
Immer wieder gibt es auch nette Begegnungen und Gespräche. Diese Woche, als ich einen Mann überhohlen wollte, fragte er mich, ob ich auch jeden Morgen zur Arbeit laufe. Er erklärte mir, dass dies seine tägliche Gymnastik sei obwohl sein Dorf nicht verstehe, dass ein Mann in seiner Position das mache. Auf meine Frage was er dann für eine Position habe, erzählte er mir, dass er ein "Headman" sei. Da wusste ich gleich viel wie vorher. Er erklärte mir, dass er so etwas wie ein "Friedensrichter" für sein Dorf sei. Wenn zwei sich streiten oder sonstige Probleme vorhanden sind, kann man zu ihm gehen und er versuche dann das Problem zu lösen. Selbstbewusst sagte er auch, dass ihm dies auch meistens gelinge.
Auf unserem gemeinsamen Weg sprach ihn auch prompt jemand an und fragte, ob er am Abend Zeit für ihn hätte, denn er habe ein Problem. Mein Headman sagte natürlich ja. Er erzählte mir auch weiter, dass er gelernter Pharmaassistent ist und sein Dorf ihn nebenberuflich als Headman gewählt habe. Schon bald waren wir in der Stadt angekommen und unsere Wege trennten sich. Beim Verabschieden sagte er zu mir: "Falls jemals ich ein Problem haben sollte, dürfe ich ich ungeniert zu ihm kommen. Er sei schliesslich auch für mein Quartier zuständig."
Am Abend fragte ich dann Franz, unseren Rasta-Man und guter Freund, was dann ein "Headman" alles so für Aufgaben hat. Er erklärte mir, dass diese hoch geachtete Personen seien und für den Frieden in einem Dorf zuständig seien. Natürlich verlangen sie von den Streithähnen auch einen Lohn für ihre Arbeit. Da viele Bewohner von Rundu eher nicht genug Geld haben, wird je nach Ausmass des Streites meistens mit Naturalien bezahlt. Konkret heisst dass, das der Angeklagte zur Wiedergutmachung zwei Hühner oder zwei Geissen abgeben muss und davon bekommt eines der "Haedman", das andere der Geschädigte und somit ist dieser Streitfall gelöst.
Sehr zum Ärger der Regierung kann das bei einem Mord oder einer Vergewaltigung dann eine Kuh oder ein Rind sein und damit hat sich der Fall erledigt. Dieses Rechtssystem kann aber der Staat in der heutigen Zeit nicht mehr akzeptieren. Eigentlich sollte das traditionelle Recht bei Kapitalverbrechen nicht mehr gellten. Doch wer weiss schon, was alles im Busch läuft......
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