Saturday, 25 October 2014

Ländliches Schulleben


von Christian


Ich berichte heute von meinem dreitägigen Ausflug nach Ncushe. Der Ort liegt 125 km südlich von Rundu und besteht aus ein paar verstreuten Hütten, zwei Kirchen und einer Primarschule, wo Schüler/innen von der 1. bis 7. Klasse unterrichtet werden. Der Schulleiter fragte mich vor einiger Zeit um einen Besuch an, da die Lehrkräfte Unterstützung zu Mehrklassenunterricht bräuchten. Momentan arbeiten an der Schule nur vier Lehrpersonen welche bis zu 50 Schüler/innen in drei Klassenstufen gleichzeitig unterrichten.

So fuhr ich am Dienstag bei Sonnenaufgang los und erreichte die Schule nach 3-stündiger Fahrt. Der Unterricht war schon seit 7 Uhr im Gange, als ich von einem Lehrer eingeladen wurde einen ersten Eindruck von seinem Unterricht zu erlangen. Ich war überrascht festzustellen, dass in seiner 4. und 5. Klasse neben den üblich kleinen Jungs und Mädels zwei ausgewachsene Jugendliche sassen, die 20 Jahre alt sind. Diese hätten ihre Schulkarriere immer wieder unterbrechen müssen, weil ihre Familie dauernd umhergezogen seien. Daneben entdeckte ich im Schüler/innenregister den Namen eines 14-jährigen Mädchens das die Schule vor ein paar Monaten verlassen hatte. Sie habe geheiratet und wohne nun mit einem gleichaltrigen Jungen und seiner Familie zusammen. 




Eine Lektion pro Woche heisst "Windows of Hope". Sie ist vergleichbar mit einer Klassenstunde, wo aktuelle jugendspezifische Themen besprochen werden. Die Lektion findet draussen statt und beginnt und endet mit einem Tanzritual vor der namibischen Flagge. Annikie S., eine junge 21-jährige Schulabgängerin, arbeitet seit über einem Jahr ohne Ausbildung an der Schule als Lehrerin. Sie bot mir an, mein Zelt neben ihrem Embo (Haus) aufzubauen.

Am Nachmittag findet jeweils eine Stunde Lernzeit statt, die jeweils von 2 Lehrerinnen beaufsichtigt wird. Auch ich sass in einem der Schulzimmer und versuchte einen kühlen Kopf bei 42 Grad im Schatten zu behalten. 


Danach setzte ich mich in den Schatten eines Baumes und unterhielt mich mit Annikie über ihr Leben als Vollwaise, dem Leben im ländlichen Ncushe ohne Handyempfang, dem täglichen Taxidienst von und nach Rundu und ihren Plänen nächstes Jahr ein Lehrerinnenstudium zu beginnen. Am Abend bot uns ein Nachbar ein gackerndes Huhn zum Abendessen an. Ich musste passen, als es darum ging, das Huhn zu schlachten. Also wurden die Schülerinnen vom nahen "Schulheim" (für Kinder aus weit entfernten Siedlungen) angefragt, diese Arbeit zu übernehmen. Sie fackelten nicht lange, schliffen das Küchenmesser an einem Stein und setzten dem Gegacker ein Ende. Ruckzuck wurde das Huhn gerupft, ausgenommen und bald brutzelten die einzelnen Pouletteile inklusive Kopf und den Füssen im Topf auf dem Feuer. 

Die Aktivitäten rund um mein Zelt begannen am nächsten Tag mit den ersten Sonnenstrahlen. Die Mädchen vom Hostel brachten Wasser von der nahen Wasserstelle an mein Zelt und der Sand um das Embo wurde gewischt. Der Tag verging im Schnellzugstempo in der 6. und 7. Klasse, wo ich abwechselnd aktiv und passiv am Unterricht teilnahm. Die Feedbackgespräche fielen mir sehr leicht, weil es viel positives zu sagen gab. Vom Schulleiter wurde mir gesagt, dass er diese Feedbacks sehr hilfreich fände, gerade deshalb, weil die Schule seit dem Jahre 2006 kein Unterrichtsfeedback erhalten habe. 

Am zweiten Abend lernte ich Felix kennen, der als Pflegehelfer mit halbjähriger Ausbildung im Ort arbeitet. Zusammen mit ihm machte ich einen ausgedehnten Spaziergang, vorbei an den zwei Wasserstellern, die von Mensch und Tier hochfrequentiert sind. Ums Wasserloch lassen die jungen Bullen ihre Muskeln spielen und die von Ochsen gezogenen Einbaum-Holzschlitten der etwas weiter entfernten Häuser werden mit Wasserkanistern gefüllt. Überhaupt herrscht da ein reges Treiben und die Jungs versuchen auf Eseln reitend Mädchen zu beeindrucken. Felix stellte mich den Bewohnern der jeweiligen Embos vor und ich wurde herzlich von ihnen willkommen geheissen.


Der Kurzaufenthalt in Ncushe war für mich eine sehr lehrreiche und beeindruckende Zeit. 





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