Saturday, 14 November 2015

Leben und arbeiten als Pflegefachfrau in Namibia


von Sibylle 
Heute möchte ich kurz das Gesundheitswesen von Namibia erklären und auch die grossen Herausforderungen schildern, mit denen das Gesundheitspersonal und der Staat konfrontiert ist. Im zweiten Teil möchte ich die Aufgaben der Abteilung "Primary Health Care", wo Anni Schmid arbeitet,  vorstellen. Der ganze Artikel erschien auch diesen November in der SBK (Schweizerischer Berufsverband der KrankenpflegerInnen) Zeitschrift. Ich verwende dafür aber neue, aktualisierte Bilder. 
Sibylle und Anni
Namibia ist als Reiseland wohl vielen Menschen bestens bekannt. Wunderschöne Wüstenlandschaften mit endlosen Weiten und einer faszinierenden Tierwelt zeichnen dieses Land aus, welches etwa doppelt so gross wie Deutschland und Heimat für rund 2.2 Millionen Einwohner ist. Politisch unabhängig und als eigener Staat anerkannt ist Namibia erst seit dem 21. März 1990. Als demokratische Nation, welche die Rede- und Pressefreiheit hochhält, geniesst sie seit der Unabhängigkeit politische Stabilität. Das ist nicht selbstverständlich angesichts einer mehr als 100 Jahre lang dauernden deutschen und südafrikanischen Fremdherrschaft. „Das tönt ja alles wunderbar“, bekam ich vor unserem Einsatz mit INTERTEAM in Namibia oft zu hören. „Wieso also braucht es dich überhaupt in Namibia?“Ich finden dies eine berechtigte Frage. Aber im praktischen Alltag mit den Patienten und nach einem vertieften Einblick in das Gesundheitssystem wurde mir schnell bewusst, dass hier noch viel Arbeit geleistet werden muss, um der gesamten Bevölkerung ein funktionierendes und qualitativ angepasstes Gesundheitssystem zur Verfügung zu stellen.

Das Gesundheitssystem von Namibia in Fakten und Zahlen
Der Hauptsitz des „Ministry of Health and Social Services“ ist in Windhoek, der Hauptstadt Namibias. Das gesamte Gesundheitswesen wird zentral gesteuert. Dies beinhaltet neben nationalen Gesundheitsstrategien auch den Einkauf und die Verteilung von Medikamenten und Medizinalprodukten, die Planung von Spitälern und Kliniken, das Erstellen von Richtlinien und Weisungen sowie das Personalmanagement. Es ist zudem erforderlich, dass jegliches Gesundheitspersonal (auch Ausländer) eine namibische Registration durchlaufen und eine Prüfung ablegen muss.  
Namibia ist administrativ in 14 Regionen und 35 Gesundheitsbezirke unterteilt.
Die Region Kavango (seit 2014 in West und Ost unterteilt) befindet sich ganz im Norden von Namibia, nahe der angolanischen Grenze. Zusammen ist das Gebiet etwa so gross wie die gesamte Schweiz. Die Region Kavango wird in 4 Gesundheitsbezirke unterteilt. Der Bezirk Rundu entspricht flächenmässig etwa einem Drittel der Schweiz und versorgt dabei rund 170’000 Einwohner. Im Bezirk Rundu wird die medizinische Grundversorgung durch das Team der „Primary Health Care“ (PHC) gewährleistet, nicht eingeschlossen sind die Spitäler. Das PHC Team, in welchem auch Anni Schmid (INTERTEAM-Fachfrau) arbeitet, ist verantwortlich für 24 Kliniken und 177 Health Posts. Health Posts sind Orte, welche mit dem Auto als fahrende Klinik besucht werden.
Die Aufgaben der Kliniken, welche von Pflegenden ohne Präsenz eines Arztes erledigt werden, sind vielfältig. Dazu gehören Abklärungen und Behandlungen verschiedener Krankheiten (auch HIV/AIDS, Malaria oder Tuberkulose), Wundversorgungen, Familienplanung und Schwangerschaftskontrollen bis hin zu Geburtshilfe.
Neuere Klinik in Ncuncuni (Schulbereich Christian)
Die Gesundheitsversorgung ist auf einem Zuweisungssystem aufgebaut. Das heisst, Patienten gehen zuerst in eine der näheren Kliniken oder zu einem Health Post. Von dort wird man bei Bedarf an ein Bezirksspital weiterverwiesen und gegebenenfalls ins nächst grössere Spital verlegt. Das Rundu State Hospital, wo Sibylle Wyss Bigler mit dem Pflegemanagement arbeitet, ist ein sogenanntes „Intermediate Hospital“ und gleichzeitig auch das bedeutendste Spital der Kavango Region mit 330 Betten. Wenn das Rundu State Hospital spezielle Behandlung nicht anbieten kann, werden Patienten 700 km weiter nach Windhoek verlegt.
Patientenbus von Katima Mulilo nach Windhoek mit Zwischenhalt in Rundu. (Katima-Windhoek = 1200KM)
Gesundheitszustand der Bevölkerung
Global betrachtet gilt Namibia als Land mit einem mittleren Entwicklungsstand (upper middle income country). Leider gehört es auch zu den weltweit führenden Ländern hinsichtlich ungleicher Verteilung des Wohlstands. In den letzten 5 Jahren wuchs die Wirtschaft in Namibia durchschnittlich um 4.3% jährlich. Trotzdem liegt die Arbeitslosigkeitsrate bei 29.6% und ein Viertel der Bevölkerung lebt in Armut. Der Kavango ist mit einer Armutsrate von 53% und einer Arbeitslosigkeit von 50% die ärmste Region von Namibia. Die Folge sind soziale Probleme wie hoher Alkoholkonsum, verbreitete häusliche Gewalt und Teenagerschwangerschaften. Zudem sind gesundheitliche Risiken wie Mangel- oder Fehlernährung bei Kindern und Erwachsenen mit einer hohen Kindersterblichkeitsrate und verschiedenste Infektionskrankheiten weit verbreitet, da unter anderem auch die Versorgung mit sauberem Trinkwasser nicht überall gewährleistet ist. 
Kleiner Junge der eine Salmonellen-Infektion nur knapp überlebte. 
Oft fehlt den Menschen das nötige Geld, um eine Klinik oder ein Spital aufzusuchen, auch wenn die Behandlung sehr günstig ist. Hinzu kommt, dass der Norden von Namibia ein Malaria-Gebiet ist.

HIV/Aids und Tuberkulose
Schulkinder machen auf HIV/Aids aufmerksam
Ein weiteres grosses Problem in Namibia ist die hohe HIV/Aidsrate mit ihren wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen. In der Region Kavango liegt die HIV/Aidsrate, die bei schwangeren Frauen gemessen wird, bei 24.9 %. Im namibischen Durchschnitt beträgt sie 16 %.
Eine jugendliche Theatergruppe zeigt den Zuschauern sehr professionell,
wie sie sich gegen HIV/Aids schützen können.
Folgekrankheiten wie z.B. Tuberkulose, stellen das Gesundheitspersonal und das ganze Gesundheitssystem vor immense Probleme. Resistenzen vermindern die Therapieerfolge. Hartnäckige Stigmas bezüglich HIV/Aids und Tuberkulose lassen die Ansteckungsraten nur langsam sinken oder sie stagnieren sogar auf sehr hohem Niveau wie es im Kavango der Fall ist. So ist die Aufklärungsarbeit der Bevölkerung bezüglich Infektionskrankheiten eine wichtige Tätigkeit des Gesundheitspersonals.
Distanzen
Die Mehrheit der Bevölkerung aus stadtnahen Gebieten erreicht ihre Klinik innerhalb 10 bis 19 km Marschdistanz. In ländlichen Regionen müssen auch mal gut und gerne zwischen 25 bis 59 km zurückgelegt werden. In ganz abgelegenen Dörfern können es sogar mehr als 100 km sein. Da nur wenige Namibier ein Auto besitzen, werden Esel- oder Schubkarren als Krankentransportmittel benutzt. Leider haben nicht alle Kliniken, Bezirks- oder Intermediate Spitäler genügend Ambulanzfahrzeuge für Patiententransporte. Ein anderes Problem sind die Vehikel selber, da die vorhandenen Ambulanzen des Öfteren nicht in einem fahrtauglichen Zustand sind.
Ungenügende Kommunikationsnetze
Obwohl in den städtischen Gebieten zahlreiche Menschen über Mobiltelefone verfügen und der Mittelstand sich Internet leisten kann, ist es im ländlichen Namibia unmöglich überall Zugang zu Handynetz, geschweige denn Strom, zu haben. Dies gilt auch für Schulen und Kliniken. Die einzige Möglichkeit, einseitig mit Menschen im Hinterland zu kommunizieren, besteht über das batteriebetriebene Radio.
Zu wenig ausgebildetes Gesundheitspersonal
Überfüllte Geburtenabteilung
Am Beispiel des Rundu State Hospital möchten wir aufzeigen, was für eine Herkulesaufgabe das Gesundheitspersonal täglich zu bewältigen hat. In der Notfallabteilung und den angrenzenden ambulanten Behandlungsräumen werden pro Tag zwischen 200 und 400 Patienten betreut. Hierbei sind die Spezialkliniken nicht einberechnet. (HIV/Aidsklinik zusätzlich bis 300 Patienten pro Tag). Im Durchschnitt wartet ein Patient zwischen 4 und 6 Stunden auf seine Behandlung. Das Bild der auf Holzbänken sitzenden, teilweise auch am Boden liegenden und wartenden Menschen berührt uns immer wieder. In den Bettenstationen sind Matratzenlager wegen Überbelegung der Betten normal. So betreuen in der Frauenabteilung 5 Pflegende bis zu 70 Patienten täglich. Wir getrauen uns bei diesem Arbeitspensum nicht, noch Anforderungen bezüglich Pflegequalität zu stellen. Ganz geschäftig geht es auch auf der Geburtenabteilung zu und her. So bewerkstelligen beispielsweise die 18 Hebammen zwischen 10 und 20 Geburten pro Tag und das über das ganze Jahr. Der grosse Ärzte-, und Pflegepersonalmangel wurde von der Regierung erkannt, 
und es wird nun vermehrt einheimisches Gesundheitspersonal ausgebildet.  

Fehlende Spezialkliniken und ungenügende oder veraltete Infrastrukturen
Mein kleiner Liebling!
Leider fehlen an grossen zentralen Spitälern wie dem Rundu State Hospital Spezialisten. Orthopäden, Radiologen und spezialisierte Ärzte im medizinischen Bereich sucht man hier vergeblich. Das Rundu State Hospital hat nur einen einzigen Anästhesisten. Dies hat zur Folge, dass beispielsweise ein Patient mit einem Schenkelhalsbruch per Ambulanz 700 km weiter nach Windhoek transportiert werden muss.
Viele Spitäler sind renovationsbedürftig oder müssten den heutigen Gegebenheiten angepasst werden. Doch dazu fehlt das nötige Geld. So kann es vorkommen, dass der Generator ausgerechnet bei einem Stromausfall nicht funktioniert. Dies hat natürlich tragische Folgen für viele Abteilungen, wie zum Beispiel die Geburtenabteilung.
Neugeborene auf der Geburtenabteilung
Erschwerte Logistik und zu wenig medizinisches Material
Den ganzen Bedarf an medizinischen Gütern in einem Land mit nur 2.2 Millionen Einwohnern und begrenzten finanziellen Ressourcen zentral zu steuern, kann dann Sinn machen, wenn die Versorgungswege sichergestellt sind. Dies ist in Namibia jedoch nicht vollumfänglich der Fall. So sind wir täglich mit Engpässen bei wichtigen Medikamenten, bei Transfusionsbestecken oder Schutzmasken konfrontiert. 

Ein Tag mit Anni unterwegs im „Outreach Team“
Meine Arbeit konzentriert sich auf das „Outreach Team“. Zurzeit sind vier Pflegefachleute dafür verantwortlich, dass die 177 „Health Points“ mehr oder weniger regelmässig besucht werden. Diese Treffpunkte liegen mindestens 5 km entfernt von einer Klinik, sonst müssen die Patienten die nächste Klinik aufsuchen.
Health Point





Bei unserer Ankunft informieren wir zuerst die umliegenden Weiler. Meist treffen wir die Patienten dann unter einem Baum. Das Buschtelefon funktioniert gut, so dass innerhalb kurzer Zeit Leute aus verschiedenen Richtungen bei uns ankommen. Manchmal werden die Patienten zusätzlich per Radio über den Besuch informiert. Ich will euch nun einen Einblick in einen Tagesablauf geben, im Bewusstsein, dass kein Tag gleich ist wie der andere.


Büro Anni
Büro PHC
Um 8 Uhr komme ich im Büro der PHC in Rundu an und begrüße alle Anwesenden ausführlich. Die erste Verrichtung erledige ich im Impfstoffraum, wo ich die Temperatur des Kühlschranks mit den Impfstoffen kontrolliere. Mit der Kollegin Ida geht es dann zum Medikamentenlager um fehlende Produkte für unseren Ausflug abzuholen. Die Impfstoffe werden in einer Kühlbox transportiert. Nun sind wir ausgerüstet. Die Teamleiterin und Kollege Edward sind noch an einer Besprechung mit der Supervisorin, weil die Statistiken des letzten Monats noch nicht abgeliefert wurden. Also warten meine Kollegin und ich auf die Beiden. Solche Wartezeiten sind hier häufig und ich habe mir angewöhnt, immer ein Fachbuch dabeizuhaben. Manchmal kann ich die Zeit auch nutzen, um der Administration unter die Arme zu greifen.  

Nachdem wir in der  Spitalküche unseren Mittagspicknick abgeholt und an der Tankstelle getankt haben, können wir um 9:30 Uhr abfahren. Heute führt uns die geteerte Strasse rund 80km in den Süden, bevor wir auf eine Naturstrasse abbiegen. Teilweise ist diese sehr sandig und schmal, so dass wir der Vierradantrieb eingeschaltet werden muss. Nach zwei Stunden kommen wir beim ersten Weiler „Wiseni“ an und stellen fest, dass zwar Kinder da sind, die Impfungen benötigten, weil aber die Eltern nicht anwesend, dürfen wir die Impfungen nicht verabreichen. Schade!
Da es bald Mittagszeit ist, machen wir auf dem Weg zum nächsten Weiler einen kurzen Halt und genießen das Brot mit Poulet. In Musovo benachrichtigen wir die Leute, dass die „sipangero“ (mobile Klinik) da sei und etablieren uns mit unserem Material unter einem Baum.
Musovo
Eine ältere Frau, die vor 2 Tagen gestürzt ist, wird von einem Bekannten in einer Schubkarre zum Treffpunkt gebracht. Sie hat ein geschwollenes Knie, aber keine Frakturen und deshalb ist Überweisung nicht nötig. Die meisten Besucher kommen mit kleineren Beschwerden wie Husten, Kopf- oder Gliederschmerzen, Konjunktivitis, Fieber, Hypertonie, Würmern, Unterernährung, Flechten usw. Die Patienten werden von einer Pflegfachfrau unseres Teams befragt und je nach Beschwerden werden dann Medikamente verordnet, vor allem Schmerzmedikamente, Antibiotika, Antirheumatika, Antihistaminika, Vitamine und Blutdruckmedikamente. Unsere Auswahl ist natürlich beschränkt.
Anni bei der Medikamentenabgabe


San
Unser nächster Halt liegt in einem Gebiet, wo sich San-Familien (Ureinwohner) niedergelassen haben. Ein 16-jähriges Mädchen, offensichtlich schwanger, kommt uns mit einem Baby auf dem Arm entgegen. Auf die Nachfrage, wo die Mutter des Babys sei, erklärt sie, dass diese in der nahegelegenen Bar sei. Wir stellen fest, dass der zwei Monate alte Bruder noch keine Impfungen erhalten hat. Er erhält gleich Polio- und Rotavirustropfen, BCG, Penta und PVC Injektionen und eine Hepatitis-B Kapsel. Für allfällige Nebenwirkungen drückt man dem Mädchen gleich ein Fläschchen Paracetamol in die Hand. Wir staunen aber nicht schlecht, als gleich darauf ein zweites Mädchen mit einem Baby erscheint, dessen Mutter auch in der Bar am Biertrinken sei. Leider ist dies bei den San ein weitverbreitetes Problem.
Die grosse Herausforderung in der Abgabe von Medikamenten besteht darin, dass oft trotz geringer Beschwerden die Leute im Busch unbedingt eine farbige Pille erhalten möchten. So wird oftmals aus Empathie oder Schuldgefühl ein Antibiotikum verschrieben, da man die Leute ja einige Monate nicht mehr sehen wird.
Sun Familie vor Klinik mit Nurse
Die Schwerpunkte bei diesen Besuchen im Busch sind Impfungen, Schwangerschaftskontrollen und Abgabe von Verhütungsmitteln.
Hoffnungslos?
Beim letzten Halt treffen wir eine 20 jährige Frau. Wegen eines Tumors wurde sie am Rücken operiert, seither ist sie aber an beiden Beinen gelähmt. Sie leidet an schlimmen Dekubiti beider Hüften und liegt auf einer dünnen, nassen Matratze in einer dunklen Hütte. Die Angehörigen haben Blätter eines Baumes in die Wunden gestopft und dies hat eine Infektion ausgelöst. Da sie bereits hohes Fieber hat, entscheiden wir mit den Eltern, dass sie ins Spital transportiert werden müsse. Unser Fahrer übernimmt diesen Transport während wir andere Patienten behandeln. Bevor ich mich verabschiede, beuge ich mich zu der jungen Frau hinunter und lächle sie an. Ihr trauriger und hoffnungsloser Gesichtsausdruck hat mich seither noch oft beschäftigt. Diese Frau hat keine Chance auf eine einigermaßen angepasste Pflege oder einen Rollstuhl. Die Zufahrt zur Hütte ist sandig und sehr abgelegen; niemand weiss, was eine angepasste Pflege beinhalten könnte. Solche Situationen stimmen mich sehr traurig.
Unterdessen ist es Zeit, den Heimweg anzutreten. Ich bin dankbar, um 18 Uhr gesund zu Hause anzukommen.
Traditionelles Dorf im Hinterland

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