Saturday, 20 June 2015

Lernen im Spitalalltag

Von Sibylle

Ich komme gerade von einem langen Arbeitstag nach Hause, welcher für mich sehr aufwühlend war. 
Laut Vorschrift müssen wir immer, wenn eine Frau während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder 48 Tage nach der Geburt stirbt, ein "Maternal Death Review" organisieren und durchführen. Das heisst, von allen Abteilungen muss eine Pflegende kommen, und wir müssen zusammen mit den zuständigen Ärzten (Gynäkologen, Notfallarzt, Mediziner, dem Anästhesist) und dem Pflegemanagement den Fall anhand der Akten analysieren und Konsequenzen ableiten. Manchmal werden auch andere Kliniken oder Spitäler eingeladen, wenn diese in einen Fall involviert waren. 
Meist hat der Gynäkologe den Vorsitz und stellt uns die Patientin und ihre Krankheitsgeschichte vor. Nachher wird in einer öffentlichen Diskussion darüber gesprochen, was gut gelaufen ist und wo auch Fehler oder Unterlassungen unsererseits gemacht wurden. 
An dieser Stelle möchte ich meinen afrikanischen Kolleginnen und Kollegen ein dickes Lob ausdrücken. Ich habe selten so ehrliches und trotzdem wertschätzendes Gremium erlebt. Beide Seiten, die ärztliche wie auch die pflegerische, sind sehr selbstkritisch und können zu eigenen Fehlern stehen, was ich in der Schweiz schon ganz anders erlebt habe. 
Leider ist unsere Mortalitätsrate bei den schwangeren Frauen im Kavango sehr hoch und da wir auch letzte Woche wieder ein junges Mädchen von 15 Jahren verloren, weil es einen plötzlichen und gefährlichen Blutdruckanstieg mit Krämpfen in der Schwangerschaft hatte (Eklampsie). Ich werde also wohl noch an manchem "Review" teilnehmen müssen. Natürlich enden nicht alle Schwangerschaften mit Komplikationen tödlich. Vielen Frauen kann auch trotz massiven Schwangerschaftskomplikationen geholfen werden. 
Das Probleme der Mutter- und Kindersterblichkeit in Namibia sind sehr vielfältig. So kam eine Managementkollegin letzte Woche zu spät zur Arbeit und gab als Entschuldigung an, dass sie zuerst ein schwangeres Kind aus ihrem Dorf holen musste, da dieses Mädchen ihrer Meinung nach nicht fähig sei, das Kind normal zu gebären. Die Schwangere sei ein 14-jähriges San-Mädchen, mit einem zarten Körperbau und einem riesigen Bauch. Auf meine Frage, wer denn der Vater sei, gab sie mir noch immer wütend zur Antwort, dies sei ein 40-jähriger Mann, und den habe sie zur Rede gestellt. Sie habe ihm gedroht: "wenn du nicht für das Mädchen und ihr Kind sorgst, stelle ich dich vor den Richter." Hier muss angefügt werden, dass nach offiziellem namibischem Recht, Sex mit Minderjährigen als Vergewaltigung gilt. was aber im traditionellen Recht nicht der Fall ist. Solche Fälle werden meist mit einem Kuhhandel zwischen den Familien geregelt, worauf keine offizielle Anklage erhoben wird. Anhand dieses Beispiels kann man sehen, dass an der tief verwurzelten traditionellen Rechtslage im Norden von Namibia weiter festgehalten wird und die Schwierigkeit des modernen Rechts in diese Gegenden vorzudringen. 
Übrigens schenkte das Mädchen einem gesunden Jungen das Leben, nachdem der Kaiserschnitt erfolgreich verlief. Wie das Leben für sie und das Kind aber weitergeht, kann ich nicht voraussehen.  

Hier im Kavango sind 46% aller schwangeren Frauen unter 18 Jahr alt. Die damit verbundenen sozialen Probleme sind sehr gross und viele dieser Mädchen leben in Armut und ohne Zukunftsperspektive, da sie auch die Schule abbrechen mussten. Natürlich sind auch die Kinder sehr grossen Gefahren ausgesetzt. Erst kürzlich haben wir in einer interdisziplinären Weiterbildung die Wichtigkeit von Eisen in der Ernährung von Kindern bis zu 2 Jahren besprochen. Nach dem Vortrag gab es eine Diskussion und wir fragten uns, wie wir die Situation dieser Kinder verbessern können. Das Fazit ist, dass die Probleme auf mehreren Ebenen angepackt werden muss. 

Hier eine Auswahl:

  • Muttermilch ist der beste Schutz und die beste Ernährung für das Kind. Es muss noch vermehrt auf die Wichtigkeit des Stillens in den ersten Lebensjahren eines Kindes hingewiesen werden. 
  • In der Schwangerschaftsberatung muss die Ernährung vermehrt thematisiert werden. Dies ist  aber auch sehr schwierig da 53% der Bevölkerung im Kavango in Armut lebt und eine ausgewogene Ernährung sich gar nicht leisten kann.
  • Gibt es günstige Alternativen wie z.B. der Kürbis, der sehr gut dem Maisbrei hinzugefügt werden kann um den täglichen Eisenbedarf zu decken?  Welche Lebensmittel sind dies und sind diese auch für einen grossen Teil der Bevölkerung erschwinglich? 
  • In der gesamten Bevölkerung braucht es mehr Wissen bezüglich Ernährung und Gesundheit. Es genügt nicht, nur die Schwangere zu beraten, da diese evtl. nach der Geburt das Kind bei der Grossmutter oder Tante lässt und wieder die Schulbank drückt oder in der Stadt einen Job sucht. Wie soll diese Aufklärung am besten geschehen? Genügen Radiodurchsagen oder gibt es noch andere Möglichkeiten?
  • Allgemein ist das Wissen in der Bevölkerung bezüglich vielen Gesundheitsthemen nicht sehr gross. Wie kann diese Situation verbessert werden, so dass auch die Bevölkerung im Hinterland davon profitieren kann?
Wie aus den Fragestellungen zu lesen ist, braucht es noch einen grossen Effort, um die Lebenssituation der Bevölkerung und speziell der Schwangeren und Kinder im Kavango zu verbessern......


Schwangerschaftskontrolle in einer Klinik


No comments:

Post a Comment