Saturday, 15 August 2015

Einmal Nurse, immer Nurse

Von Sibylle

Welch ein Umgewöhnen! Hier in Namibia muss (ich meine wirklich muss) das Gesundheitspersonal die Uniform den ganzen Arbeitstag tragen. Egal, ob ich in der Mittagspause schnell einkaufen gehe, oder ich mich nach getaner Arbeit mit dem Taxi nach Hause fahren lasse, trage ich die Uniform. Die Uniform diene dazu, wie wir offiziell im Schreiben Nr. 14/2015 informiert wurden, dass ich als professionelle Pflegefachfrau im Dienst jederzeit erkannt werde und im Notfall jemandem Hilfe leisten kann. Also gehe ich, für mich völlig ungewohnt und gegen alle gelernten Prinzipien der Hygiene, in der Mittagspause in der Uniform einkaufen. Das lustige dabei ist, dass ich auf der Strasse offiziell immer als Doktor begrüsst werde. Zurück im Spital, fragte ich meine Kolleginnen, wieso mich die Menschen Doktor nennen? Ich sei doch eine Nurse und nicht ein Arzt. Ob es für sie denn anhand der Uniform nicht ersichtlich ist, dass ich eine Nurse bin? Lachend wurde ich aufgeklärt, dass es im rukuangalischen Sprachschatz kein Ausdruck für Nurse gibt und alle Pflegenden wie auch Ärzte Doktor genannt werden. Ok, damit muss ich mich abfinden. Und so spaziere ich nun als Doktor durch die Strassen von Rundu. 

Gestern hatte ich diesbezüglich auch ein lustiges Erlebnis im Supermarkt. Ich stand in Uniform vor dem Gemüse- und Früchteabteil und wählte ein paar saftige Äpfel aus, als mich ein junger Verkäufer fragte, ob er mich was fragen darf. Natürlich, antwortete ich und war gespannt, was nun kommt. Er erzählte mir, mit vielen Zuhörerinnen um uns herum, dass er laut Arzt an Hämorrhoiden leide und operiert werden müsse. Er habe aber angst, dass dieses Problem damit nicht gelöst sei. So gab ich ihm, und all den interessierten Zuschauern, eine Lektion über gesunde Ernährung und wie wichtig es sei, jeden Tag genug Wasser zu trinken um eine gesunde Verdauung zu haben. Das ging recht anschaulich, da ich eh beim Gemüse und Obst stand und gerade ad Hock auch zeigen konnte, was ich damit meine. Hier muss vielleicht angefügt werden, dass bezüglich gesunder Ernährung in Namibia noch viel Schulungsbedarf besteht. Leider hat auch die vermögende Mittelklasse nun jeden Tag Zugang zu Fast-Food und Süssgetränken. Als Folge sind Übergewicht mit Diabetes, Bluthochdruck und andere Life-Style-Erkrankungen auf ein besorgniserregendes Ausmass angestiegen. Für die ärmere Bevölkerung sind gesunde Nahrungsmittel (Milchprodukte, Salat, Gemüse, Früchte usw.) leider viel zu teuer und somit für sie nicht erschwinglich. 
Noch heute bin ich mir nicht so sicher, ob der junge Mann meine Antwort hören wollte, oder ob er doch lieber sein Cola trinken und sein Hamburger essen will. 

Andere beliebte Themen, über welche ich schon auf offener Strasse oder im Supermarkt zwischen den Regalen Auskunft gegeben habe sind Familienplanung, Bluthochdruck, Menstruationsbeschwerden und so weiter. Wie gesagt, einmal Nurse, immer Nurse!


P.S. Die Studentin Irena Bosnjak, welche von Christian bei ihrem Auslandpraktikum betreut wurde, hat einen zweiten lesenswerten Erlebnisbericht geschrieben. 





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