Friday, 6 February 2015

Traditionelles versus Modernes Recht

Von Sibylle

Liebe Bloglerserinnen und Blogleser,

heute möchte ich über die Rolle der Frau und des Mannes in der namibischen Gesellschaft erzählen. Leider ist es mir in dieser kurzen Zusammenfassung nicht möglich, alle kulturellen und ethischen Gruppen speziell zu berücksichtigen, da es zu viele sind und auch sehr grosse Unterschiede bezüglich Geschlechter-Rollen bestehen. Ich möchte das Thema aber unter dem Gesichtspunkt der traditionellen Rechte (customary law) und der modernen Verfassung (civil law) abhandeln, mit dem Wissen, dass ich nur einzelne Aspekte beleuchten kann.

Im traditionellen Recht haben Frauen viel weniger Rechte und Privilegien als die Männer. Die Männer haben die Rolle des Ernährer und des Entscheidungsträgers inne und ihnen gehört auch der ganze Besitz von Grund und Boden mit allen Tieren. Auch in fast allen traditionellen Rechten ist die Frau dem Manne unterstellt und der Mann ist der Herr des Hauses.
Seit dem Jahre 1996 gilt in ganz Namibia die moderne Verfassung und dem Zivil-Gesetz. In dieser Verfassung wurden die Rechte der Männer und Frauen auch neu geregelt.
Es steht zum Beispiel, dass keine Person wegen ihrer Sexualität diskriminiert werden darf, das mit einer Heirat beide gleichberechtigte Partner sind und auch die gleichen Rechte und Pflichten haben, und dass die Frau nicht mehr dem Manne unterstellt ist (der Mann ist nicht mehr automatisch der Herr des Hauses).
Ein grosser Unterschied ist auch die Verteilung des Besitzes in beiden Rechten. Im traditionellen Recht geht der ganze Besitz der Frau bei einer Heirat an den Mann über und sie muss auch bei seiner Familie leben. Das ist im neuen Recht nicht mehr automatisch der Fall.
Dass dies nun in einer Gesellschaft wie Namibia, welche immer noch im Spagat zwischen Tradition und Moderne lebt, zu Problemen führen kann, liegt auf der Hand. Häusliche Gewalt, Vergewaltigungen, Teenager-Pragnancy und Landraub sind wohl unter anderem mögliche Auswirkungen von diesem Spannungsfeld. Dass das Thema Gewalt sehr zentral für viele Kinder und Jugendliche hier in Namibia ist, hat sich auch im Besuch des Kulturfestivals gezeigt. Im Teil der Aufführung, wo die Kinder neben den Tänzen ein Alltagsproblem spielerisch darstellen, wurde von allen Gruppen ausser einer, die das Thema Teenage-Pregnancy thematisiert hatte, das Thema "häusliche Gewalt" thematisiert.  Das hat mich doch sehr nachdenklich gestimmt.

Spannend ist auch zu wissen, dass die Menschen im Norden immer noch noch dem traditionellen Recht lebt, der Süden sich aber mit dem modernen Recht angefreundet hat. Man spricht auch hier ganz offiziell von der "Corden-Line". So sind Paare im Norden noch eher dem traditionellen Recht unterstellt, was aber in zum Beispiel in Windhoek ganz anders ist.
Was das für Auswirkungen auf eine Frau vom Norden von Namibia haben kann, die in Windhoek studiert hat, ein eigenes Haus besitzt und nun eine Familie mit einem eher traditionellen Mann vom Norden gründen möchte,  ist nachvollziehbar. Sie muss sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie sich dem Manne unterstellen will (die Familie hat hier auch ein Wort mitzureden), auf ihren Besitz verzichten kann und eher ein traditionelle Familienleben führen will oder sie aus diesen Gründen auf eine Heirat verzichten möchte. 

Auch bezüglich dem Thema häusliche Gewalt gilt  in Namibia eigentlich das neue Recht. Nur wird das nicht in allen Regionen gelebt. Wenn nach traditionellem Recht der Mann über die Frau verfügen kann, sind auch Schläge als Strafe legitim. So gibt es leider noch viel zu wenige Anzeigen von Frauen gegenüber Ehemännern oder männlichen Familienangehörigen, die ihnen Gewalt zufügen.
Auch bei Vergewaltigungen gibt es im traditionellen Recht immer noch die Möglichkeit, das Opfer zu heiraten, der Familie eine Abfindung zu zahlen (Kühe, Geld etc.) und dann ist die Sache vom Tisch.

Interessant ist aber die Tatsache, dass nun in der Zeitung immer mehr Berichte von Gewaltdelikten von Frauen gegenüber Männern publiziert werden. Ist es, weil sich die Frauen nun vermehrt zur Wehr setzen, keinen anderen Weg als Gewalt kennen um Konflikte zu lösen, sich von ihrem traditionell, unterdrückten Rollenbild lösen? Ich weiss es nicht.

Was ich einfach abschliessend aus eigenen Beobachtungen anfügen kann, ist, egal ob ein traditionelles oder modernes Leben gelebt wird, die Frau "der Motor" von Namibia ist. Sie ist es meistens, die die Kinder erzieht, sich um die alten Menschen kümmert, einem Job nachgeht oder die Felder bewirtschaftet, die harte Hausarbeit übernimmt, sich in der Kirche engagiert und an Schulversammlungen teilnimmt. Doch ich habe den Eindruck, dass sich auch immer mehr Männer in diesen Bereichen engagieren.

Stolzer Mann mit seinen Töchtern







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